Wohnen in der Alten Tischlerei

Das Weiterbauen an bestehender Bausubstanz bietet für Architekten und Bauherren Herausforderungen und Chancen. Immer öfter fällt die Entscheidung daher gegen den Abriss von alten Gebäuden. Gelungene Um- und Weiterbauten erfordern jedoch nicht nur Mut zu ungewöhnlichen Lösungen, sondern auch einen sensiblen Umgang mit der vorgefundenen Bausubstanz.

Städtebauliches Umfeld

Der Wunsch über das Entkernen, Erhalten und Weiterbauen dem Leerstand und Verfall zu begegnen, stand auch im Zentrum des Umbaus der Alten Tischlerei in Berlin-Weißensee. Die Revitalisierung des Gebäudes erhält die Identität des Ortes und trifft so auf Akzeptanz in der Nachbarschaft. Sie bildet damit einen notwendigen Beitrag zur Baukultur, gerade in den sich schnell verändernden Bezirken am Rande der inneren Stadt.

Bei der ehemaligen Tischlerei mit Mansarden-Wohnungen handelt es sich um das Hofgebäude eines um 1987 erbaute Gebäudeensembles. Das Objekt im Hinterhof der Heinersdorferstraße 3a im Bezirk Weißensee wurde zeitweise von der Berliner Humboldt Universität genutzt und stand danach viele Jahre leer. Im Vorderhaus, einer gründerzeitlichen Blockrandbebauung, befinden sich vermietete Wohnungen. Das Tischlereigebäude hat keine Auflagen des Denkmalschutzes zu erfüllen, das gesamte Ensemble steht jedoch unter dem Schutz der städtebaulichen Erhaltungssatzung für Berlin-Weißensee.

Gebäudestruktur und Konstruktion

Die konzeptionelle Planung des Umbaus basiert auf der Idee den bestehenden Ziegelbaukörper der Alten Tischlerei architektonisch und stadträumlich herauszuarbeiten. Dafür werden die Überformungen der letzten Jahrzehnte zurückgebaut. Das frühere Werksgebäude wird wieder freigelegt und erzählt so die Geschichte des Ortes weiter. Der bewusste Einsatz monolithischer Baumaterialien harmoniert mit dem Alten und schafft eine neue und selbstständige Ästhetik. Bewusst wurde das Ziegelmauerwerk sichtbar gelassen und der notwendige Wärmeschutz durch eine innenliegende Dämmung aus diffusionsoffenen Multipor-Dämmplatten geschaffen. Im Ergebnis sind auf 639 qm 6 neue Mietwohnungen für Familien und familienähnliche Gemeinschaftsformen auf 3 Etagen entstanden.

Die Wohn- und Essbereiche wurden offen gestaltet, der Übergang ist fließend. Eingestellte Boxen gliedern die großzügigen Räume, gleichzeitig erhalten sie den ursprünglichen Charakter des Gebäudes.

Ein besonderes Gestaltungsmerkmal bilden die Kappendecken der ehemaligen Werksräume sowie die unterschiedlichen Fensterformate, die weitestgehend aus dem Bestand übernommen und punktuell ergänzt wurden. Durch eine Ost- West-Orientierung sind alle Wohnungen luftig und hell.

Die Wohnungen im Erdgeschoss verfügen über private Gärten mit Terrassen. Eine weitere Terrasse ist auf dem Dach des Nebengebäudes geschaffen worden. Auskragende Balkone mit industriellem Charakter erweitern den Wohnraum der drei weiteren Wohneinheiten.

Gerade in Zeiten, in denen Wohnungsbau oft nur noch schnell und billig nachgefragt wird, ist es wichtig mit baukulturell anspruchsvollen Gebäuden zu zeigen, dass wirtschaftliches Bauen auch im Bestand möglich ist und einen nachhaltigen Mehrwert produzieren kann.

Umbau einer alten Tischlerei zum Wohnhaus mit 6 Wohneinheiten
Berlin, Pankow
3-geschossiger Ziegelbau
Bauherr: Gesobau
BGF: 750 qm
Clarke und Kuhn Architekten
Mitarbeit: Dan Bernos und Eva Hartmann
Leistungsphasen 1-9
Fertigstellung 2016
Fotograf: Thomas Bruns